FREUDE AM SPIELEN

Klavier-Ausstellung auf 1600 m² direkt neben der Dresdner Frauenkirche.

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Sächsische Zeitung - Raschelball und Kippbratpfannen

Raschelball und Kippbratpfannen

Sächsische Zeitung, Ausgabe vom 01.09.2004, von Thomas Morgenroth.

Klavierbaumeister Bert Kirsten sitzt im renovierten Festsaal in Dürrröhrsdorf. Auf der Bühne ein von der Firma Bechstein kostenfrei geliehener Flügel, hinten an der Wand Gret Palucca, gemalt von Leonore Thielemann.

Die Geschichte mit dem Farbfilm ist ja nun schon ein paar Jährchen her. Heutzutage müsste es wahrscheinlich heißen: Du hast die Speicherkarte vergessen, mein Michael. Mitte der Siebziger begann Nina Hagen als pummeliges DDR-Schlagermädchen, entwickelte sich in Berlin-West zur Punk-Ikone und schließlich international zum schrillen und provokanten Gesamtkunstwerk. Nächstes Jahr wird sie 50.

Für die Malerin Leonore Thielemann aus Naundorf in der Sächsischen Schweiz ist die Hagen ein Symbol für das moderne Showbusiness. Deshalb hängt Nina jetzt lebensgroß in Dürrröhrsdorf an der Wand. Ihr Bildnis schmückt den renovierten Saal, neben den anderer Stars wie Tänzerin Gret Palucca, Pantomime Marcel Marceau und dem aus Gohrisch stammenden Saxophonisten Heinz Kretzschmar.

Werkstatt im Ort

Der 78-jährige Jazzer spielte am Sonnabend vor seinem eigenen Konterfei und über einhundert Gästen. Einige tanzten – das hatte es auf dem 1905 verlegten Parkett mehr als fünfzig Jahre lang nicht gegeben. Es war der zweite Eröffnungsabend, zu dem die Klavierbaumeister Bert Kirsten und Daniel Zeitler in den Festsaal eingeladen hatten. Ihr Dresdner Piano-Salon mit Wurzeln und Werkstatt in Dürrröhrsdorf hat den kulturellen Mittelpunkt des Ortes zu neuem Leben erweckt.

Das 1989 zu DDR-Zeiten von Kirsten auf dem elterlichen Gehöft in Dürrröhrsdorf gegründete Unternehmen nutzte das Gebäude nach dem Erwerb von der Treuhand als Lagerhalle für Klaviere und Flügel. Schon vor acht Jahren aber begann Kirsten mit den ersten Arbeiten für die neue, alte Nutzung: „Ich dachte mir, der schöne Saal kann doch nicht als profanes Lager enden.“

Mit einigen Krediten, viel Eigenleistung der Mitarbeiter, Familien und des Quandt-Vereins sowie Sponsoren, wie Leonore Thielemann, bekam der Festsaal Stück für Stück seine einstige Schönheit zurück. So wie jetzt könnte er auch vor 99 Jahren ausgesehen haben, als sich das Dorf zum Tanz traf, zu Feuerwehrbällen, zur Kirmes und im Herbst zum Raschelball, wenn trockenes Laub auf den Fußboden geschüttet wurde. Das hätte sicher auch Nina Hagen gefallen.

Auf eine halbe Million Euro schätzt Kirsten den Wert der Sanierung. Der 39-Jährige ging feinfühlig vor: „Wo es ging, blieben die alten Bauteile erhalten.“ Etwa das Buchenparkett, das ausgebessert, geschliffen, geölt und gewachst ist. Spuren fremder Nutzung finden sich dennoch. Kirsten zeigt auf einige dunkle Flecken: „Hier standen die Kippbratpfannen, als der Saal Betriebskantine für die Wärmekeramik war.“ Damals verschwand die Muschelbühne, sie störte beim Mittagessen.

Bis Mitte der Fünfziger war Müllers Gasthof nebst Saal aus dem Leben des Dorfes nicht wegzudenken. Dort trafen sich die Vereine, sämtliche Parteien, die Turner und Ballsportler, die die Fenster mit Brettern schützten. Eine Turnhalle hatte Dürrröhrsdorf nicht. Das Haus avancierte gar zum „Casino junger Landwirte“. Dann zog der Konsum ein, verkaufte Textilien und Schuhe – der Anfang einer Odyssee, die ein halbes Jahrhundert andauern sollte.

Die einst zum Saal gehörende Gaststätte wird es nicht wieder geben: Dort ist jetzt die Sparkasse drin. Darüber wohnt Bert Kirsten. Noch eine Etage höher stehen jetzt die Instrumente, derzeit etwa 120 Klaviere und Flügel. Einen Teil davon will und muss er im Oktober versteigern: „Ohne den Saal als Lagerraum wird der Platz langsam knapp.“

Festsaal Dürrröhrsdorf-Dittersbach, Hauptstraße 96, 11.9., 20 Uhr Eröffnungsball, 18.9., 20 Uhr Thomas Stelzer Trio, 2.10. 14 Uhr Versteigerung von Klavieren, Besichtigung ab 10 Uhr. Karten und Infos unter Tel. 0351/8 04 42 97.