FREUDE AM SPIELEN

Klavier-Ausstellung auf 1600 m² direkt neben der Dresdner Frauenkirche.

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Saechsische Zeitung - Die Chemie der Farben

Die Chemie der Farben

Sächsische Zeitung, Ausgabe vom 21.07.2012, von Heike Wendt.

Die Naundorfer Künstlerin Leonore Thielemann feiert heute ihren 80. Geburtstag. Pinsel und Bleistift legt sie noch nicht aus der Hand.

Naundorf. Die Glasperlenverkäuferin lässt ihr keine Ruhe. Eine Urlaubsbegegnung und die Gelegenheit, eine der grandiosen Bleistiftzeichnungen daraus zu machen. „Und dann“, sagt Leonore Thielemann, „habe ich ihr nicht einmal Glasperlen abgekauft.“ Die Künstlerin aus dem Struppener Ortsteil Naundorf ärgert sich noch immer, doch sieht sie ein: Selbst wenn sie noch einmal zurückkehrte in das türkische Dorf, würde sie die Frau wohl nicht wiederfinden.

Sich auseinandersetzen, abschließen, Neues angehen – für Leonore Thielemann sind 80 Lebensjahre kein Grund, damit aufzuhören oder sich selbst nicht mehr infrage zu stellen. Die bekannte Kunstmalerin aus Naundorf, deren Ausstellung „Lebensbilder“ seit über drei Jahren durch den Kreis wandert, sieht sich selbst mitten in ihrem sich stets wandelnden Schaffen.

So finden sich bei ihren präzisen Bildern von Menschen aus dem Alltag vergangener Zeiten feine Unterschiede. Konzentrierte sich der Bleistift anfangs auf die detaillierte Darstellung einer Person und deren typisches Umfeld, tritt in jüngeren Werken Unwesentliches zurück. Personen bekommen bleilastige Stärke, das Umfeld wirkt eher skizzenhaft. Es ist die gewachsene Erfahrung der Jahre, Prioritäten zu setzen, abzuwägen, wofür man seine Zeit nutzt, zu entscheiden, was wichtig für einen selbst ist.

Die Kunst war nicht immer Mittelpunkt von Leonore Thielemanns Leben. Die in der Fürstenschule St.Afra zu Meißen Geborene beginnt ihr Berufsleben, wie der Vater, Naturwissenschaftler und Professor, es vorgibt, mit einem Chemiestudium. Das habe ihr später beim Umgang mit Farben sehr geholfen, sagt sie heute.

Einen harten Umbruch zur Kunst gibt es nicht. Das Interesse an musischen und künstlerischen Dingen wächst stetig. Neben der Arbeit als Spektrochemikerin und später Teilkonstrukteurin im Großküchenanlagenbau stellt sie sich einem Studium für künstlerische Textil- und Holzgestaltung. Die Kunst kam zu mir, sagt sie heute. Der Wunsch, sie möge einen Volkskunstzirkel übernehmen, sei an sie herangetragen worden. Ebenso sei es mit Ausstellungen und Kursen gewesen. Ganz so „unschuldig“ wird sie wohl vor mehreren Jahrzehnten nicht ins Künstlerische „hineingerutscht“ sein. Immerhin rettete sie ihre Profession über die Wendezeit bis in die Gegenwart.

Eigentlich dürfte sie sich in ihrem Alter einem gemütlichen Rentnerdasein hingeben. Doch mit ihren selbst auferlegten Aufgaben ist sie längst nicht am Ende. Viele Dinge wollen noch erledigt werden, auch wenn niemals alles vollendet wird, was angefangen ist.

Wenigstens zwanzig Jahre wären auszufüllen, dazu fühle sie sich durchaus in der Lage, spricht sie und überlegt, was als Nächstes kommen soll.

Vielleicht den großen leeren Bilderrahmen zu füllen, der gegenüber dem Gemälde mit der spanischen Lieblingskellnerin den Blick zur Wand schamhaft freigibt. Dann kämen ihre Pastellkreiden, die in trockenem Zustand gemischt und später auf dem fertigen Werk fixiert werden, zum Einsatz. Mit dieser Technik hat sie die Bilder im Dresdner Pianosalon im Festsaal Dürrröhrsdorf gemalt. Oder die Reisetagebücher zu vervollständigen mit Skizzen und Ideen zu den beeindruckenden Landschaften der Toskana und in Umbrien. Wiedergegeben werden nicht Worte, sondern Bilder in Leporellos, den wie eine Ziehharmonika gefalteten Büchern.

Leben will Leonore Thielemann noch viel länger. 120 Jahre müssten drin sein.